Liest man in den deutschen und internationalen Medien über KI, so entsteht schnell der Eindruck, Entwicklung und Vermarktung finden ausschließlich in USA und in China statt – Europa und Deutschland seien längst abgehängt. Gewiss nehmen Europa und Deutschland bei KI keine Spitzenplätze ein – dennoch ist auch der Standort Deutschland ernst zu nehmen.
Dass USA und China die Spitzenpositionen einnehmen, hat mit mehreren Faktoren zu tun. In diesen Ländern werden unerreichbare Summen in die Entwicklung gesteckt – auch vom Staat; Europa verfügt außerdem über deutlich weniger Venture-Capital- Finanzierung und die bereits installierte Rechenleistung, die für KI-Entwicklung zur Verfügung steht, ist in USA und China entschieden größer.
Dennoch gibt es sehr erfolgreiche Start-Ups in Europa und in Deutschland, die mit innovativen und insbesondere sehr spezifischen Lösungen auch mit US-Konkurrenten mithalten können – weil sie nicht die ganz großen Lösungen anbieten wollen, die für nahezu alles geeignet sein sollen. Europäische Entwickler kennen oft die Abläufe und Prozesse – z.B. in Unternehmen oder Kliniken – genau und entwickeln passgenaue KI-Lösungen.
Das Jahr 2025 war geprägt von einem Hype um KI, rasant steigenden Aktienkursen, von sehr hohen Erwartungen – aber auch von Enttäuschungen wegen erheblicher Fehlleistungen, Unzuverlässigkeit und auch mangelnder Integrierbarkeit in Unternehmensprozesse. Experten erwarten, dass im Jahr 2026 eine Fokussierung auf weniger, aber solidere Angebote stattfinden wird. Zu vielen amerikanischen Angeboten gibt es europäische und auch deutsche Alternativen.
Diese Alternativen haben eine Chance, wenn sie präziser auf die jeweilige Aufgabenstellung zugeschnitten sind, etwa für Medizin, Produktion, Qualitätssicherung, Banken usw., und wenn sie leichter in Unternehmensprozesse zu integrieren sind. So liefern passgenaue KI-Lösungen inzwischen sehr gute Ergebnisse etwa bei der Interpretation von Röntgenbildern, Sonografie-Aufnahmen oder Fotos von Hautläsionen.
Vielleicht liegt auch ein Vorteil darin, dass wir in Europa „noch nicht so weit sind“. So können wir hier grundsätzlicher über den Einsatz von KI nachdenken, noch bevor sie in alle Lebensbereiche eingegriffen hat. Wollen wir Anwendungen, die in erster Linie dem Menschen dienen – und nicht dem Profit von Tech-Oligarchen? Wie vermeiden wir, dass KI einen rigorosen Überwachungsstaat ermöglicht? Wie stellen wir sicher, dass die Menschenrechte beachtet werden? Wie müssen soziale und ökologische Anforderungen berücksichtigt werden?
Ein weiterer Vorteil ist, dass von Anfang an die Datenschutzstandards Europas eingehalten werden müssen – und dass bei den Lösungen die eingesetzten Algorithmen transparent sein sollen. Wenn bei europäischen Lösungen zusätzlich keine Abhängigkeit von US-Cloud-Anbietern entsteht, kann das zu einem bedeutenden Wettbewerbsvorteil führen – gerade in der derzeitigen geopolitischen Lage.
Die EU stützt die angesprochenen Entwicklungen; sie betrachtet KI inzwischen als strategisch wichtig, will europäische KI-Plattformen unterstützen und deren Einsatz gerade in besonders sensiblen Bereichen wie Rüstung, Öffentliche Verwaltung aber auch Sicherheit und Medizin fördern. Die EU hat erkannt, dass Abhängigkeiten in den genannten Feldern als Waffe eingesetzt werden können – auch von ehemals Verbündeten.
Im Gegensatz zu so mancher KI, die gelegentlich halluziniert, bleibt die Verfasserin dieses Textes auf dem Boden. Sie betrachtet KI nicht als grundsätzlich segensreich für die Menschheit und weiß um die Gefahren. Sie braucht keine KI, die den Kühlschrank managet, Taxis ruft und Reisen bucht; findet aber z.B. Anwendungen in Medizin oder beim Übersetzen von Sprachen in Echtzeit als Gewinn.